Updated: 27.04.2008; 13:12:05.


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 Montag, 5. Mai 2003

Hingehen! Unbedingt!

"Recklinghausen sagt der guten alten Zeit Adieu

Ruhrfestspiele starten mit Liederabend

Wenn ein renommiertes Festival mit einem Liederabend über den Abschied beginnt, dann darf man sich dabei wohl etwas denken. Im Falle der Ruhrfestspiele muss man nicht lange raten; der langjährige Chef Hansgünther Heyme verabschiedet sich mit dieser Spielzeit, und der neue, Frank Castorf, wird den Festspielen ein neues Gesicht geben.

"Les Adieux", "Abschiede", hieß das Programm, grammatisch nicht ganz korrekt, dafür aber mit sinnfälligem Hinweis auf eine Beethoven-Sonate. Die Inszenierung kam - noch eine Anspielung - aus Hamburg, wo vor 58 Jahren der legendäre Coup gestartet war, der zu dem Schlachtruf: Kunst für Kohle! geführt hat. Recklinghausen schickte im harten Nachkriegswinter Kohle nach Hamburg, zum Knochenwärmen, und die Hamburger revanchierten sich mit Theater, zum Herzwärmen. So war das damals, so sind die Ruhrfestspiele entstanden.

Jetzt also sind die Hamburger Kammerspiele gekommen und haben das letzte Adieu für die alten Ruhrfestspiele gesungen. Es war herzzerreißend schön, oft ironisch, manchmal ein bisschen wild; jedenfalls ohne Wehmut, stattdessen mit einer gewissen heiteren Aggressivität, wie sie immer dann entsteht, wenn man nicht weiß, was die Zukunft bringen wird. ...

Lebe wohl, gute Reise, und denk an mich zurück - nicht ein Lied an diesem Abend, bei dem sich nicht die Parallele zur aktuellen Situation der Ruhrfestspiele ziehen ließe.

Drei Männer und drei Frauen sitzen in einem Wartesaal, im Hintergrund rinnt Regen von einer riesigen Scheibe. Stimmkräftig singen sie querbeet: Schlager, Musical, Madrigale, Volkslieder; ein bisschen Schubert. Dazu gibt es Posen. Eine Blondine (Sabrina Ascacibar) stöckelt im engen Spitzenkleid, ein Langhaariger (Peter Franke) holt aus einer Plastiktüte erst eine und dann noch eine Rotweinflasche und leert sie zügig. Burghart Klaußner mit Krawatte scharwenzelt um die Damen, Alexander Geringas rockt im roten Samtmantel, Marion Martienzen gibt mit schwarz ummalten Augen die Nina Hagen und Theresa Berlage sieht aus wie ein Muttchen, singt aber wunderbar soulig.

Die Inszenierung lebt von der Irritation. Auf "Zwei rote Lippen und ein roter Tarragona" folgt "Jetzt reicht's" von Phil Collins, und Erich Weinerts Kampfgesang: "Der Krieg, der vor der Tür steht, ist immer gerichtet gegen dich, Prolet!" schwingt aus in "Schön war die Zeit". Da gibt es große Lacher und Applaus. Für Nachdenklichkeit bleibt kein Raum, doch die Mischung aus Sentiment und Frechheit ist außerordentlich publikumswirksam.

Als Premierengast tritt Esther Ofarim auf. Sie hat im vorigen Jahr den Eröffnungsabend bestritten, und auch diesmal singt sie Heines "Leise zieht durch mein Gemüt", erst hebräisch, dann deutsch. Und wieder ist das Publikum hingerissen.

Am Ende heißt es: Good bye, good bye, gib mir den letzten Abschiedskuss, es waren schöne Stunden, die man nicht mehr vergisst. Da liegt die Symbolik zum Greifen in der Luft.

Der Applaus ist grandios. Ein begeistertes Festpublikum hat einen wunderbaren Abend genossen."

Von Gudrun Norbisrath, [WAZ]


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