Montag, 15. Dezember 2003
Johnson über Cognitive Offloading

Externalismus greift Platz -- nicht nur bei den Erkenntnistheoretikern und den CogSci-Leuten.

Steven Johnson über die Dialektik von Brain Drains und Brain Gains in und aus medialen Apparaten: "Offloading Your Memories" [ NYT Mag via metal machine music ]. Dabei wird wieder mal deutlich: brenzlig ist die Sache ja gar nicht so sehr in erkenntnistheoretischer, sondern vor allem in sozialphilosophischer Hinsicht -- die bürgerliche Kategorie "Privatheit" wird nicht nur von außen her ständig angeschremmt, sondern ist auch vom Kollaps von innen her bedroht: "We have met Big Brother, and he is us" (Johnson, a.a.O.).

Der privacy-Begriff wird in den nächsten Jahren noch Einiges mitmachen müssen.

/mf (Informationsethik)


 Freitag, 12. Dezember 2003
WSIS: Social-Engineering-Aktivisten zeigen Security- und Privacy-Probleme auf

Einer Gruppe von Aktivisten ist es gelungen, sich in geschlossene WSIS-Meetings einzuschmuggeln. Dabei geht es nicht nur darum, dass es möglich war, das Sicherheitssystem zu umgehen; wie sich herausstellte, sind die Ausweiskarten der Teilnehmer RFID-getagged. Da die Profile der Teilnehmer nicht auf einem Chip auf der Karte, sondern zentral in einer Datenbank gespeichert werden, liegen damit implizit Bewegungs- und Kontaktmuster des ganzen Gipfels vor. Kritisiert wird vor allem, dass das System ohne diesbezügliche Informationen oder gar Diskussionen eingeführt wurde. [ via /. ]

P.S.: HIGHNOON is go!

/mf (Informationsethik)


 Mittwoch, 10. Dezember 2003
Kleinwächter über die WSIS-Deklaration

Die drafts der Grundsatzerklärung und des action plans vom wsis sind da (link zu word docs).

Wolfgang Kleinwächter berichtet auf telepolis vom vorläufigen Ergebnis, versucht sich eingangs in ein paar impressionistischen Fingerübungen ("Ein Beifallssturm wehte durch den Saal und aus dem altehrwürdigen Völkerbundgebäude hinaus an die Gestaden des Genfer Sees") und verirrt sich dann in einen Bumpercar-Ride zwischen Machbarkeits- und Sachzwangsrhetorik.

Dem lauwarmen Ergebnis der Verhandlungen muss apologetisch begegnet werden, und so wird denn auch die "zivilisierte Zivilgesellschaft" als Hoffnungsträgerin in die Pflicht genommen, da nun einmal "die aus dem 20. Jahrhundert stammenden Mechanismen der traditionellen Diplomatie" -- und damit die Politik -- "an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangt" sind.

Das eine Wort, nach dem Kleinwächter da sucht, wäre "Rahmenordnungsethik" gewesen. Das andere "Politik". Oder vielleicht "guts".

Bei WE SEIZE herrscht übrigens seit eineinhalb Tagen Funkstille, nachdem deren Quartier polizeilich geräumt wurde.

/mf (Informationsethik)


 Dienstag, 9. Dezember 2003
Weltgipfel zur Informationsgesellschaft: Der Weg ist steil, aber lang

Die Vorbereitungen zum World Summit gehen in die Zielgerade. Christoph Seidler berichtet im gestrigen Spiegel über Verlauf und Probleme. Eine der konkreten Hauptschwierigkeiten ist Chinas Sperrung gegen einen Rekurs auf die Menschenrechte in der offiziellen Abschlusserklärung.

Ein anderes Problem ist die Unzufriedenheit von zivilgesellschaftlichen und NGO-Vertretern über die mangelnde Einbindung in die Vorbereitungen -- die Heinrich-Böll-Stiftung schrieb letzte Woche vom gescheiterten Gipfel. Dieser Vorwurf hat auch Eingang in die zivilgesellschaftliche Abschlusserklärung zum Gipfel gefunden [ word rtf, veröff. 2003-12-08. 2 von 19 Seiten (§2.2) zur Verankerung der eigenen core principles in den Menschenrechten ]. Der Vergleich zwischen den offiziellen Gipfelerklärungen und diesem sehr ökologisch gedachten Papier wird interessant sein. Exemplarische Auszüge:

We recognise that no technology is neutral with respect to its social impacts and, therefore, the possibility of having so-called  "technology-neutral" decision-making processes is a fallacy. (§1: A Visionary Society)

The UN should carry out a fundamental review of the impact on poverty and human rights of current arrangements for recognition and governance of monopolised knowledge and information, including the work of WIPO and the functioning of the TRIPS agreement. (§2.3.3.3: Software)

Das wäre dringend notwendig. Die WIPO zeichnet (World Intellectual Property Organization) u.A. verantwortlich für folgenden problematischen Beschluss: 

Computer programs are protected as literary works within the meaning of Article 2 of the Berne Convention. Such protection applies to computer programs, whatever may be the mode or form of their expression. (Artikel 4 des WIPO Copyright Treaty 1996)

Laut heise sind aus den letzten Entwürfen der offiziellen Regierungserklärungen "die Referenzen auf WIPO und Trips-Verträge herausgefallen". Immerhin.

Links:

/mf (Informationsethik, Materialsammlung)


 Sonntag, 7. Dezember 2003
WSIS:Hello World Project

Im Rahmen des WSIS können vom 9. bis zum 12. Dezember zu bestimmten Zeiten Nachrichten via SMS oder über das Netz versendet werden, die dann auf Laserprojektoren übertragen werden. Die versendeten Nachrichten werden auf das Air India Building in Mumbai, den Jet d'eau in Genf, die Morro dois Irmãos in Rio de Janeiro und auf das UNO-Gebäude in NY projiziert -- allerdings immer nur eine.

Online-Zeiten der Projektoren:
Mumbai: 13:30-19:30 CET
Genf: 17:00-23:00 CET
Rio de Janeiro: 22:30-04:30 CET
NY: (wird am Dienstag bekannt gegeben)

[ helloworld via dienstraum ]

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 Dienstag, 2. Dezember 2003
Ralf Grötkers Vorberrichterstattung zum WSIS

Vom 10. bis 12. Dezember 2003 findet in Genf Phase 1 des World Summit on the Information Society statt. Telepolis hat zu diesem Thema einen sehr guten Artikel von Ralf Grötker über Informationsethik.

Trotz der vielen konkreten Beispiele und Verweise sind einige Punkte des Textes auf andere medientheoretische Fragestellungen übertragbar, insbesondere der methodologische Abschnitt "Eine neue Ethik?" und die dort aufgeworfene Frage nach der Subsumierbarkeit aktueller informationsethischer Probleme unter die traditionelle Ethik und Moralphilosophie (Stichwort: Traditionalisten vs. Vertreter der These von der Eigenständigkeit der Informationsethik). [via internetz/vibe.at]

Zusätzlicher Link: Charta der deutschen Zivilgesellschaft anlässlich WSIS-1: Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft [ pdf ], wo Artikel 12 der Allgemeinen Menschenrechte ernst genommen wird. Sehr erfreulich.

/mf (Informationsethik, Medienphilosophie)