Freitag, 30. Januar 2004
foucault on the blogosphere

hier ein abstract im wortsinn. es fühlt sich seltsam an, so was in ein blog über medien zu schreiben. und trotzdem gehört es hierher, im weiteren umfeld der semantic cloud-thematik.

ich war immer sicher, dass mein lieblings-theoriebuch, "archäologie des wissens", einen schlüssel zu analyse von medientexten aller art enthält.

bei "new media" (tv/av und pc/www) ist ja klar, viel klarer noch als bei den versunkenen druckschrift/bildungskulturen, die foucault gegen den strich analysierte, dass das entscheidende element, auf dem das system sich aufbaut, die "aussage" ist. und eben nicht "die botschaft", die geschlossene einheit einer "sendung", die intention des autors oder des sprechers ...

aber es steht ja alles schon örtlich in der archäologie, wie ich erst jetzt gemerkt habe, als ich über die englische version des eingangskapitels stolperte. wahrscheinlich hat es wirklich mit der sprache zu tun: medientheorie muss man in englisch denken (weniger in deutsch oder auch französisch).

und hier the master's voice:

But if we isolate, in relation to the language and to thought, the occurrence of the statement/event ... it is in order to be sure that this occurrence is not linked with synthesising operations of a purely psychological kind (the intention of the author, the form of his mind, the rigour of his thought, the themes that obsess him, the project that traverses his existence and gives it meaning) and to be able to grasp other forms of regularity, other types of relations.

Relations between statements (even if the author is unaware of them; even if the statements do not have the same author; even if the authors were unaware of each other's existence); relations between groups of statements thus established (even if these groups do not concern the same, or even adjacent, fields; even if they do not possess the same formal level; even if they are not the locus of assignable exchanges); relations between statements and groups of statements and events of a quite different kind (technical, economic, social, political).

To reveal in all its purity the space in which discursive events are deployed is not to undertake to re-establish it in an isolation that nothing could overcome; it is not to close it upon itself; it is to leave oneself free to describe the interplay of relations within it and outside it.

genau das ist es, was getan werden muss (aber man sollte den restlichen text auch lesen). und hier noch ein guter, "macht"-zentrierter essay zu foucault als theoretiker der "(mass) media". (ein eigenes posting zu foucault und new media studies folgt später.)

aber ich persönlich denke ja, dass der derzeit so populäre macht-foucault nur adäquat verstanden werden kann, wenn man den unpopulär-strukturalistischen archäologie-foucault begriffen hat.

/ml


 Sonntag, 7. Dezember 2003
w3: wiedewiedeweb

Wenn ich Martin recht verstehe, dann hat Punkt (2) seines Postings entfernt mit diesem aktuellen Google-Phänomen zu tun: Google liefert bei einer Suche nach "miserable failure" derzeit auf Platz 1 die offizielle Bush-Biographie auf den Seiten des White House (und zwar sowohl für die Phrase "miserable failure", wie auch für die boolsch-und-verknüpften separaten Begriffe).

Nun kommt keines der beiden Wörter im Text der Biographie vor, dafür aber als Ko-Information zu Links auf die White-House-Seite, die von ein paar Hundert Blogs ausgehen. Die als Google-Bombing bekannte Technik ist damit das ko(n)textuelle Gegenstück zum traditionellen Pushen eigener Seiten mit Hilfe von hochfrequenten Schlüsselbegriffen.

Das ist das all-in-one Pippi-Guerilla-Kontextualismus-Konterdeterminations-Beispiel.

(Ich muss mir übrigens abgewöhnen, in diesem Zusammenhang von Konterdetermination zu sprechen. Der Begriff kommt ursprünglich aus Weinrichs Metapherntheorie. Mein anfänglicher Verdacht, dass die im Netz durch Links gegebenen textsemantischen Relationen etwas mit metaphorischen Strukturen zu tun haben, hält dem ersten Anlauf, das durchzudenken, nicht Stand.)

Es geht eher um so etwas: Bush <-- miserable failure ist nur scheinbar nichts weiter als eine technisch erzwungene Prädikation in Google. Die Pointe des erfolgreichen Google-Bombings aber kommt nicht in dieser Prädikation (die für sich genommen witzlos wäre) zum Ausdruck, sondern im Satz " 'Bush is a miserable failure' ranks No. 1 in Google's results ", der in der spezifischen Situation "Google-Suche" impliziert wird. In diesem Fall ist die Prädikation selbst nur eine Anführung (mention), kein Gebrauch (use). Dabei werden die Relevanzwerte von Suchergebnissen von Anfragen, die selbst wahrheitsfähige Sätze sind, vom durchschnittlichen User tendenziell mit Wahrheitswerten in eins gesetzt (google knows it: if it's ranked first it's universally true).

[ mehr (über pragmatische Aspekte) ]

/mf (Theorie, Webtechnologie, Blogging)


 Freitag, 5. Dezember 2003
Semantic Cloud (cont'd)

"... However, I do believe that there will be a substantial improvement in the quality of information retrieval (which includes targeting) by combining these two approaches: the statistical and the semantic. ..."

das scheint ein interessanter kleiner thread zum komplex semantic web/google zu sein (4/2003), unter der überschrift: Google bought Applied Semantics: so what?. vermutlich dem spezialisten eh bekannt, aber trotzdem.

übrigens der einzige treffer in feedster für "semantic cloud" - nach drei von meinen postings. so maybe i've added another fragment to this big semantic cloud in the virtual skies.

/ml (Webtechnologie, Theorie)


Semantic Cloud: definition of ...

es gibt den terminus offensichtlich, aber er wird unsystematisch verwendet. am konkretesten benutzt ihn seth russell, anscheinend erfinder des konzepts von semantic memory.

"Well see, that's the difference between a (semantic cloud) where one is not always being able to vance, and a (semantic memory) in which, by definition and design, we can always vance. The (semantic cloud) is the environment in which the (semantic memory) lives .. if I can use that word here. There is an inside and an outside to the (semantic memory) predicament, just like the human predicament. I, on the other hand, have worked, designed, and related to the internal environment almost exclusively; and so view the external environment of the cloud as just something to read from, write to, and perhaps behave against.

I don't think either view should predominate, rather both must exist as two sides of a coin must exist."

ergänzend dazu ein anderer fund, in dem es um semantik chinesischer schriftzeichen geht:

"Although some liúmáng may be married or may operate in small criminal gangs, there is a semantic cloud over the term liú that suggests an individual with little connection to the world, and is probably not married." (link)

irgendwo dazwischen liegt mein einstweilen intuitiver gebrauch von "semantic cloud".

/ml (Webtechnologie, Theorie)


 Donnerstag, 4. Dezember 2003
ad karl kraus und blogs

Vgl. die story zu rhetoric of blogs (mf): da gibts einen aufsatz in telepolis.

ml (Theorie, Blogging)


semantic cloud: the cloud of cool (nachtrag)

da habe ich am ende vergessen zu sagen, dass die verlinkung als reine korrelations-maschinerie natürlich ein google-ähnliches meta-programm benötigt, das dann die muster, die sich so ergeben, ausliest und am besten als intuitive struktur ausgibt. und möglichst dazu, nach dem vorbild von chalmers' "path-model" bzw. von amazon, dann verwandte muster anbietet: "leute mit ihrer argumentationsstruktur haben auch folgende theorie gekauft" ...

ml (Theorie, Webtechnologie)


 Mittwoch, 3. Dezember 2003
semantic cloud: the sound of vernetzung, the cloud of cool

nachdenken, was "höhere" funktionen von links sein könnten (außer dem trivialen verweis selbst):

(1) einen subkulturellen quasi-sozialen raum erzeugen, in dem man spricht (der konkrete bezug zur gelinkten stelle ist nicht so wichtig wie die haltung, die durch die anderen sites bzw. stimmen ausgedrückt werden: ich kann ein und dasselbe statement mit 5 links zu hohlen info-society-key-lectures vernetzen oder eben mit 5 coolen guerilla-theoretikern -- oder auch mit 5 skurrilen netz-fundstellen, wie in suck. und mein statement bedeutet jedes mal etwas anderes.)

(2) sozusagen googeln: einen semantischen raum selbst durch korrelation definieren. pippi-langstrumpf-prinzip: "ich bau mir meine welt widewidewie sie mir gefällt". so funktioniert ja auch ein literarischer text, wenn er eine implizite sekundäre semantische ordnung aufbaut, die z.b. "grün" korreliert mit "mutterschaft", "drehbleistift" mit "sex", "teetasse" mit "kindheitstrauma" usw.

(3) und es gibt sicher noch was ...

/martin (Theorie, Webtechnologie)


 Dienstag, 2. Dezember 2003
Die Zukunft hat eine Vergangenheit

"A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized so that it may be consulted with exceeding speed and flexibility. It is an enlarged intimate supplement to his memory." Vannevar Bush: "As We May Think" (1945)

[mehr]

mf (Medienarchäologie, Theorie, Webtechnologie)


The Rhetoric of Blogs

Überlegungen zu Martins Posting über die Blogs eignende Ästhetik und Rhetorik.

Von Hyperlinks und Suck über Zentripetalpumpen und Vortizismus zu topic maps und semantic links. Pflugscharen von Wörtern: towards Post-Post-Literacy.

So was braucht Platz -- deswegen als Story ausgelagert.

/mf (Theorie, Blogging)


 Montag, 1. Dezember 2003

deutsch ist eine komische sprache. merkwürdig eckig: sie lässt sich nicht singen (r.d. brinkmann). umständlich ausufernd: man muss da immer nur grübeln (frei nach r. goetz).

ich denke ich gebe meinen beiträgen für das blog drei leitmotivische überschriften: (so wot is:) da media --- semantic cloud --- pop culture.

und ideal wäre es wohl wirklich, alle beiträge mit links zu spicken: schon auch aus informationsgründen, wg. vernetztem denken. aber mindestens ebenso sehr auch wg. der merkwürdigen rhetorik, die so entsteht: the sound of blogging.

die bloße, aber suggestive und wirksame behauptung der vernetzung, jenseits der bedeutung dessen, was da vernetzt wird. die idee in die welt setzen, aber nicht als "idee". move your ass, the mind will follow.

eine künstliche umwelt erzeugen, in der ich dann weiterdenken kann: semantic cloud.

da media: freund hartmann in "mediologie" sagt vieles zitierwürdig, gerade das grundsätzlichste, den epochen-umbruch im zeichen der medien betreffende. und doch stimmt im detail fast nichts: "die medien" werden reduziert auf "vernetzung" und technisch-elektronische "bilder". daraus erklärt sich nicht nur das totale unverständnis für sprach-texte und strukturalistische "text"-theorie, die natürlich nicht damit erledigt ist, dass man auf nicht-sprachliche zeichensysteme hinweist. alles ist text, immer noch: nicht weil alles nach linguistischen "gesetzen" funktioniert, sondern weil alle kulturellen zeichen eingebettet sind in sprache/schrift als meta-medium: und zwar doppelt, nämlich bereits auf der objektebene und nochmals auf der meta-metasprachlichen ebene. und daran hat sich nichts geändert.

dass es ganz andere texte sind, dass sie angereichert sind mit neuartigen bildern, übrigens auch "körpern", dass das nicht-textuelle immer prägnanter wird ... ist alles gekauft. aber auch das nicht-textuelle ist eben gegenstand von reflexion nur insofern, als es sich als "text" beschreiben und analysieren lässt (oder als sein immanentes negativ).

deutsch ist eine komische sprache. merkwürdig eckig. und man muss immer

/ml (Theorie)