The Rhetoric of Blogs

Das "Spicken mit Links" der Beiträge ist nach meinem Verständnis ein Definitionsmerkmal von Blogs, das sich einfach aus der im Medium angestrebten Vernetzung und Interaktivität ergibt. Das kann vorausgesetzt werden - d'accord also.

Womit sich die Frage nach dem "was" und dem "wie" der Verspickung stellt. Dazu folgende These: Die subjektive Empfindung der spezifischen "merkwürdigen Rhetorik" gut gemachter Blogs hat -- als ästhetisches Phänomen -- eine im engeren Sinn rhetorische und damit potentiell erkenntnistheoretisch relevante Grundlage.

Exemplarisch illustrieren möchte ich das an Hand von Steven Johnsons Überlegungen zu Stil und Link-Gebrauch von Suck, einst ein Phänomen "generally regarded as the ultimate do-it-yourself, self-publishing success story in the Web's short history" (Johnson im Jahre 1997 AD in Interface Culture, S.130f), mittlerweile nur noch ein etwas melancholisch stimmendes Mahnmal im wwwasteland, zu dem die Spät-Neunziger geworden sind.

Even the sophisticated web auteurs offered up their links the way a waiter offers up fresh-ground pepper: as a supplement to the main course, a spice. (Want more? Just click here.) The articles themselves were unaffected by the "further readings" they pointed to. The links were just addenda, extensions of the primary argument. The Sucksters took the opposite tack. They used hypertext to condense their prose, not expand it. (Johnson: Interface Culture, S.132f, Hervorhebungen MF.)

Johnson bezieht sich dabei auf diesen Suckster-Text, aber für die mittlere Phase von Suck dürfte seine Analyse generell gelten. Mit Bezug auf den selben Text schreibt er weiter:

Most hypertext follows a centrifugal path, forcing its readers outward. The links encourage you to go somewhere else. They say, in effect: When you're done with this piece, you might want to check out these other sites. More sophisticated hypertext storyspaces say: Now that you've enjoyed this particular block of text, where would you like to go next? Suck, on the other hand, pointed its readers outward only to pull them back in, like Pacino's tragic dance with the Mob in the Godfather trilogy. The links were a way of cracking the code of the sentences; the more you knew about the site on the other end of the link, the more meaningful the sentence became. (Johnson: Interface Culture, S.133f)

Das ökonomische Scheitern von Suck ist hier irrelevant, ebenso der Umstand, dass Johnsons stilistische Analyse -- den Ambitionen von Suck durchaus angemessen -- eher die Perspektive eines Literaturwissenschaftlers einnimmt. Mir geht es jenseits ästhetischer Fragestellungen um die Zentrifugen-Metapher: Wenn die bislang weitgehend parataktisch gebliebenen Hyperlinks des WWW auf User eher zentrifugal wirken (das tun sie, glaube ich, heute ebenso wie 1997), dann sollte sich ein Blog mit Erkenntnisinteresse -- um im selben Bild zu bleiben -- eher einer Zentripetal-Metapher bedienen. Meine Idealvorstellung: "Zentripetalpumpen" in unserem mediatope lassen heuristisch produktive vortices entstehen. Oder, außerhalb des Bildes und mehr systemtheoretisch gesprochen (in der Hoffnung, dass das weniger obskur sei): Es sollten sich thematische nodes entwickeln, die autopoietisch als semantische strange attractors wirken. (Ja, ich weiß, das klingt gefährlich nach Wired, Kelly, noch mehr Johnson, hive minds, Emergenz und weiß Gott welchen anderen ungeliebten Kindern im Netzdiskurs. Aber ich glaube, man kann die sinnvollen theoretischen Aspekte solcher Ansätze gut herausarbeiten, ohne in Cyber-Utopismus zu verfallen).

Das bringt mich nach metaphorischem Höhenflug langsam wieder auf den Boden der Tatsachen -- und der Grundlagen unseres Experiments hier -- zurück: Voraussetzung für die Vorstellung der Konzentration in semantischen nodes wie oben skizziert ist ein radikaler semantischer Kontextualismus.

Zusammenfassung:

Postscriptum: implizierte Fragen

Ich bin etwas im Zweifel, ob sich die hier skizzierten Überlegungen mit Martins Verständnis von der "bloße[n], aber suggestive[n] und wirksame[n] behauptung der vernetzung, jenseits der bedeutung dessen, was da vernetzt wird" (Hervorhebung MF), zur Deckung bringen lassen. Ich erlebe die derzeitigen Möglichkeiten von Hyperlinks (denn die sind im Moment die einzige verbreitete, inhaltlich relevante technische Möglichkeit zur Vernetzung im www) eher als einschränkend, und ich würde mir ganz im Gegenteil mehr Instrumente wünschen, die dabei helfen, herkömmliche Links zu spezifizieren und somit relationale Strukturen (immer allgemein im www und insbesondere innerhalb von Blogs) zu explizieren -- um implizite Relationen und Möglichkeiten zur kreativen Abduktion braucht man sich keine Sorgen zu machen, die bleiben immer erhalten.

Zwei konkretisierende Punkte fallen mir in dieser Hinsicht ein: eine Sache, die technisch grundsätzlich gelöst ist, und eine andere, die einfacher zu lösen sein müsste, m.W. aber bisher ungelöst ist.

(1) Aus dem Bereich semantic linking und topic maps. Traditionelle Hyperlinks sind uni- oder bidirektional, rein parataktische Instrumente im oben angedeuteten Sinn. Semantic links hingegen können als nodes fungieren. Vom Prinzip her kennt man diese Strukturen; hier ein Link zur Illustration: eine Suche nach "Martin Lindner" auf kartoo.com, die das Potential von topic maps und semantic links illustriert. So sieht man sofort (auf die mouseover-Beschreibungstexte im linken Frame achten), dass es einen Martin Lindner in Innsbruck und einen mit einem Sichtungen-Interview auf onb.ac.at gibt, und die beiden sind richtig über den semantischen Link "university" verknüpft, der damit einen Knoten bildet. Weiters wird dieser Martin Lindner korrekt von Martin Lindner (FDP), Martin Lindner-Effland (Uni Kiel), Stud.-Ass. Martin Lindner (TU Wien) und einem Martin Lindner aus Kiesberg unterschieden. Auch wird über den semantic link "Personal" ein Knoten hergestellt, der sowohl zu Martin Lindner-Effland (Uni Kiel) wie auch zu Martin Lindner (Ibk) führt. Das alles mag inhaltlich noch ein bisschen dürftig sein, ist technisch aber erstaunlich sauber gelöst.

(2) Die andere Sache, die ich speziell hier beim Bloggen vermisse, ist eine Art von Link auf genau definierte Textstellen innerhalb eines Dokuments, und zwar ohne anchors im gelinkten Text. Wenn ich, wie oben, Martin zitieren möchte (hier: "bloße[n], aber suggestive[n] und wirksame[n] behauptung der vernetzung..."), so kann ich mit einem Link nur auf den Text als Ganzes, eventuell noch auf dort markierte anchors, nicht aber unabhängig von anchors auf die genaue Stelle zeigen bzw. linken. Falls es das noch nicht gibt, wird es höchste Zeit für eine Applikation. (Falls jemand so etwas kennt: wäre sehr an einem Hinweis interessiert).

Dass es, zumindest meiner Vermutung nach, eine entsprechende Technologie bisher nicht gibt ist sicher der Hauptgrund für das wuchernde gegenseitige Zitieren, das in Discussion-Boards und email-Listen vorherrscht - das ergibt sich notwendig aus dem geschilderten Mangel. Auch innerhalb des Blogs ist, wie ich bereits bemerkt habe, die Versuchung hoch, explizit zu zitieren.

Langer Rede kurzer Sinn: aus solchen Gründen, Wünschen und Überlegungen heraus habe ich an der oben genannten Stelle in Martins Posting etwas gestutzt, zumal ich glaube, dass die grundsätzliche Entscheidung, ob man Hyperlinks als rein syntaktische Instrumente wahrnimmt oder ihnen eine semantische Funktion zuspricht (und sei es zunächst nur eine negative -- Stichwort Kontextdetermination, s.o.) auch konkreten Einfluss auf den Umgang mit dem Medium und den eigenen Schreibstil hat.

No-na-net? Widerspruch? Sonstiges?

mf

p.s.: Semiotisch gesehen ist an dem Web-Modernismus-Konnex was dran: die hier angesprochene Ebene (Lewis/Pound:Vortizismus vs. Suck) ist zugegeben etwas abstrakt. Konkreter ist der Vergleich Blogs (allgemein) -- Fackel. Kraus' glossierendes Lesen mit pressekritischen Verweisen in Form des expliziten entlarvenden Zitats wäre für das WWW wie geschaffen. So vergleicht Johnson auch den Suck-Stil und deren Einsatz von Links mit dem Einsatz von scare quotes im Idiom der Slacker-Generation: "If punctuation can become an element of slang [...], then why not links?" (Interface Culture, S. 136). Funktional identisch mit scare quotes sind scare italics -- das Lieblingsinstrument von Günter Traxler, m.W. der einzige Journalist, der versucht, die hohe Kraussche Schule in Reinform weiterzuführen (der education highway hat ein schönes Beispiel online).