There and Back Again
Hier kein Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit!
Blog von Sebastian Lovens
Letzte Autorenberührung: 13.10.2007; 14:17:11 Uhr.

   

 Freitag, 1. Oktober 2004
Kampagnenlogo
Und dazu passend: Seit heute ist die Seite Kopien-brauchen-Originale des BMJ online. Eine Seite, die trotz meiner jüngsten Kür zum Prof. Dr. Urheberrecht und der Aufforderung, mich beim BMJ zu bewerben (nur: wozu? Als Staatssekretär? Zum Klinkenputzen?), viele Frage offen lässt - eine Auswahl:

1. Wieso Uwe? Passte das "Klaus-" nicht mehr auf die Tasse und Benneter ist der Darth Vader der Sozialdemokraten? Mit Gerhard Schröder als Imperator, Oskar Lafontaine als Luke Skywalker, Andrea Nahles als Prinzessin Leia und Hans Eichel als R2-D2?

2. Was sagt eigentlich George Lucas zu dem Logo?

3. Wieso "Das Neue Urheberrecht"? Wegen der Neuen Rechtschreibung?

4. Ist eigentlich der SPD der Tenor der Kampagne bekannt?

Keine Frage war es für mich, für die Illustration dieses Blogeintrags das Kampagnenlogo von der Originalseite nachladen zu lassen. Klarer juristischer Graubereich, vermutlich steht in Kürze das SEK Urheberrecht von der Tür und holt mich ab. Also: Wenn das Blog ab dem Tag der Deutschen Einheit unaktualisiert bleibt, besucht mich mal in Tegel!


So gut, dass ich nicht habe kürzen wollen:

Kultur als Staatsziel?

Nach dem Tier- und Umweltschutz soll nun auch die Kultur in Deutschland als Staatsziel im Grundgesetz verankert werden. Das will die Kultur-Enquete-Kommission des Bundestages jedenfalls. Die Kultur sei eine lebensnotwendige Grundlage unserer Gesellschaft, meinte zum Beschluß der Kommission am Montag Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Also sei es folgerichtig, sie auch in der deutschen Verfassung zu nennen.

Der Mensch - homo faber - ist ein herstellendes Wesen. Er macht Autos und Straßen, Fußbälle und Stadien und offenbar auch ein Produkt, mit dem wir uns jetzt zu beschäftigen haben, nämlich Kultur. Die Konsistenz von Kultur muss man sich wohl eher weich wie Software vorstellen, eventuell sogar ein bisschen klebrig oder schmierig, denn sie hinterläßt bei unvorsichtiger Handhabung leicht Spuren. Erzeugt und abgefüllt wird die Substanz in Museen, Theater- und Konzertsälen, Verlagshäusern sowie hier im Radio, wobei über die Mengenverhältnisse weitgehende Unklarheit herrscht. Jedenfalls zählt die Kulturfabrikation zu den wichtigsten Merkmalen einer Kulturnation, und wem das jetzt allmählich irre vorkommt, der hat noch nicht im Deutschen Bundestag gesessen.

Unsere Volksvertreter haben nämlich angesichts der essentiellen Schwierigkeiten bei der Lösung drängender Probleme sich jetzt den überhaupt nicht drängenden Problemen zugewandt, deren Lösung sie um so energischer in die Hand nehmen können. Probleme vom Gewicht einer Gänsefeder, um es in die poetische Formulierung zu kleiden, welche die Vorsitzende der parlamentarischen Enquête-Kommission gebrauchte, um ihre eigene Arbeit zu qualifizieren. Diese Arbeit besteht darin, nach verfassungsrechtlichen Regelungsdefiziten Ausschau zu halten und dann das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland um- und umzuschreiben.

Da wird natürlich jeder Abgeordnete sofort zum Staatsmann, wenn es gilt, Staatsziele festzulegen. Aber welche? Steht nicht schon das ganze Inventar des politischen und gesellschaftlichen Lebens auf der Liste höchstrangiger Staatsaufgaben? Umweltschutz und Gleichheitsförderung, Behinderten- und Tierschutz - alles wurde bereits in den Verfassungsrang erhoben, nur (aber hallo!) die Kultur noch nicht. Also griffen die Parlamentarier zu Kugelschreiber und Papier und notierten als Ergänzung des Artikels 20 Grundgesetz den Satz: "Der Staat schützt und fördert die Kultur."

Die Sache hat bloß einen Haken: Kultur ist etwas völlig anderes als das, was sich diese Politiker darunter vorstellen. So wie das Leuchten und das Donnern nicht besondere Eigenschaften des Blitzes sind, die man mehr oder weniger fördern könnte, so ist die Kultur eben keineswegs jene Industrie, mit der sie oft und immer öfter verwechselt wird. Kultur ist überhaupt nicht herstellbar, schon gar nicht auf gesetzlichen Befehl. Sonst könnte man auch sagen: In der Musik verdienen die Töne größere Beachtung oder im Meer das Wasser. Nein, das ganze Staatsgefüge mitsamt dem laut sprechenden Personal im Bundestag ist Teil und Ausdruck unserer Kultur; das eine lässt sich nicht vom anderen trennen.

Gemeint ist denn auch etwas anderes, nämlich: "Der Staat schützt und fördert den Kulturbetrieb." Doch das hinzuschreiben, wäre schwerwiegender als eine Gänsefeder.

(Burkhard Müller-Ullrich im Deutschlandfunk/Kultur heute vom 28. September 2004, hier.)


© 2007 Sebastian Lovens.